Sind wir in der Lage Komplexität zu bekämpfen?

„Nein“ gehört in den meisten Unternehmen zum beliebtesten Wort. Die Lösung besteht für SAP-Chef Bill McDermott darin, sich auf mehr Einfachheit und besser auf die Kundenwünsche zu konzentrieren.

Können wir etwas Neues ausprobieren? Nein. Können wir einige Unternehmensrichtlinien neu überdenken? Nein. Können wir neue Herausforderungen annehmen, um weiter zu wachsen? Nein.

Nicht, dass Führungskräfte heute nicht mehr innovationsfreudig sind. Die meisten sind das schon. Aber Komplexität ist in allen ihren Ausprägungen für Vorstände zum größten Problem unserer Zeit geworden. Die ursprünglichen Neuerungen, aus denen großartige Unternehmen hervorgegangen sind, wurden mittlerweile durch die Zwänge für weiteres Wachstum ausgebremst.

Nahezu jeder Mitarbeiter weltweit kennt diese Situation. Anfangs hatten wir alle den Traum, etwas in unserem Leben oder Beruf zu erreichen. Aber im Laufe der Zeit, kam es uns nicht mehr darauf an, was denkbar ist, sondern was machbar ist. Aus Zielen wurden reine Kennzahlen. Aus Inspiration wurde Anpassung. Und der Traum ging schließlich im Arbeitsalltag unter.

Ich kann mich noch gut an meine Anfangszeit als Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens erinnern. Ich sah jeden Tag meine Kunden. Für mich war es nicht nur eine Pflichtübung, ihre Bedürfnisse zu verstehen, sondern Kern meiner gesamten Geschäftsstrategie. Ich musste sie kennen, sie verstehen und ihre Erwartungen übertreffen. Ich brauchte keine Datenspezialisten, um zu wissen, wann neue Produkte erforderlich waren. Die Kunden äußerten ihre Wünsche und ich reagierte darauf.

Komplexe Hierarchien verhindern Kundenorientierung

Heute werden die meisten Vorstände durch zahllose Führungsebenen daran gehindert, diese Art der Kundenorientierung zu leben. Statt persönlich mit den Kunden zu sprechen, vergraben wir uns in unserem Büro – mit Excel-Tabellen, PowerPoint-Folien und nicht enden wollenden Telefonkonferenzen. Laut einigen Analystenberichten, die ich gelesen habe, können große Unternehmen bis zu 20 Managementebenen aufweisen. Anderen Experten zufolge haben die leistungsfähigsten Unternehmen gerade mal sieben Ebenen.

Meiner Ansicht nach sollten Unternehmen nicht wie eine Zwiebel aus zahllosen Schichten bestehen, bei denen uns die Tränen kommen, wenn wir versuchen, sie zu durchschneiden.

Noch schlimmer ist aber, dass die Komplexität kontinuierlich zunimmt. Studien der Unternehmensberatung Bain, des Marktforschungsinstituts Economist Intelligence Unit und anderer Institute zeichnen ein düsteres Bild. Führungskräfte bestätigen, dass Unternehmen immer komplexer werden und keiner weiß, wer dafür verantwortlich ist.

Mangelnde Integration führt zu Silodenken

Diese gesamte Komplexität sollte sich eigentlich durch Technologie meistern lassen. Die Vorstandschefs, mit denen ich spreche, sagen mir aber ganz offen, dass sie zu viele verschiedene Anwendungen von zu vielen verschiedenen Technologieunternehmen haben. Die Anwendungen sind nicht miteinander integriert und verschlimmern die Silos, die im Laufe der Zeit aufgebaut wurden. Unternehmensführer betrachten Technologie als Verbündeten, interessieren sich aber nicht für die Modewörter, die heute in der IT grassieren und die bereits komplexe Situation nur noch weiter verschärfen.

Genug ist genug! Die Frage ist aber, ob wir wirklich in der Lage sind, die Komplexität zu bekämpfen?

Die Lösung besteht für Führungskräfte darin, sich auf mehr Einfachheit zu konzentrieren.

Einfachheit als Organisationsprinzip

Studien zeigen, dass Verbraucher mit einer 75 Prozent höheren Wahrscheinlichkeit eine Marke empfehlen, die ein einfaches Kauferlebnis bietet. Ein großer Prozentsatz dieser Verbraucher sagte, dass er sogar mehr dafür bezahlen würde. Und Unternehmen, die sich durch Einfachheit auszeichnen, wurden auch von den Kapitalmärkten belohnt und schnitten um 100 Prozent besser ab als ihre Wettbewerber. Ist gibt also eindeutig wirtschaftliche Argumente dafür.

Aber Einfachheit ist mehr als nur ein Schlagwort oder Unternehmensziel. Es ist ein Organisationsprinzip, das Führungskräfte und ihre Teams dazu motivieren muss, die organisatorischen Hürden zu überwinden und Wachstum wieder zum gemeinsamen Ziel zu machen. Wenn wir die Bedürfnisse unserer Kunden verstehen, können wir alles vereinfachen. Und Technologie wird uns das ermöglichen.

Einfühlungsvermögen für Kunden, Partner und Mitarbeiter

Beginnen wir also wie ich vor dreißig Jahren damit, uns in die Kunden hineinzuversetzen. Heute wissen wir, dass Kunden selbst entscheiden können, wie sie Geschäfte tätigen wollen. Persönlich, per Telefon oder Mobilgerät lassen sich heute Geschäfte nahezu jeder Art abwickeln. Wenn wir also das Kundenerlebnis vereinfachen wollen, müssen wir unabhängig von der Art der Geschäftsabwicklung die gleiche Sicht auf den Kunden haben. Es geht nicht darum, E-Mail-Adressen zu sammeln, um Kunden mit endlosen Werbemails zu überschütten. Sondern darum, ihre Entscheidungen zu respektieren und besser auf ihre Bedürfnisse einzugehen.

Und warum sollte es so schwer sein, Kunden in sozialen Netzwerken Gehör zu schenken, wenn es für sie selbst so einfach ist, über ihre Erlebnisse zu sprechen.

Einfühlungsvermögen für unsere Kollegen zu zeigen, bedeutet mehr, als ihnen eine attraktive Karriere zu versprechen. Wir sollten von unseren Mitarbeitern nicht mehr erwarten, ihre wertvolle Zeit mit trivialen Aufgaben zu vergeuden. Es sollten nicht 30 Schritte und vier Anträge erforderlich sein, um eine Dienstreise zu planen, eine Spesenabrechnung zu erstellen oder ein paar Tage Urlaub zu beantragen. Diese Dinge sollten einfach und bequem möglich sein, damit die Mitarbeiter ihre Zeit dafür nutzen können, etwas zu bewegen.

Einfühlungsvermögen für unsere Partner zu zeigen, bedeutet, die Zusammenarbeit zwischen Unternehmen neu zu gestalten und sie nicht nur auf Papierrechnungen zu beschränken. Schecks gibt es schon seit Jahrhunderten. In manchen Ländern sind sie aber immer noch das übliche Zahlungsmittel. Das ist Wahnsinn! Wenn ein Teenager in Sierra Leone mit seinen Freunden in den USA im Netz kommunizieren kann, sollten wir auch in der Lage sein, Geschäfte in einem Netzwerk abzuwickeln. Über 1,5 Millionen Unternehmen tun das bereits.

Ich führe ein globales Unternehmen und habe meine eigenen Kollegen aufgefordert, sich dieser Herausforderung zu stellen. Wir können mit neuen Ausschüssen, wöchentlichen Telefonkonferenzen und der Aufforderung, Kalkulationstabellen auszufüllen, die Dinge nicht vereinfachen. Wir müssen wieder zu dem zurückkehren, was uns ursprünglich inspiriert hat, und die äußeren Zwänge überwinden, die für unsere Entwicklung nötig waren.

Können wir wieder Träume haben? Ja. Können wir Innovationen schaffen? Ja. Können wir weiter wachsen? Ja, aber nur, indem wir alles vereinfachen.

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Dieser Beitrag erschien ursprünglich auf SAP Business Trends.

Bildquelle: Shutterstock

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