Vier kulturelle Werte für effektives BPM

Kulturelle Werte und Prozessmanagement? Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Die Zusammenhänge sind größer, als man auf den ersten Blick vermuten könnte. Ein Artikel zum Thema wurde jetzt ausgezeichnet.

Der Literati Network Award for Excellence 2014 wird von Emerald Group Publishing vergeben und würdigt außergewöhnliche Publikationen, die sich durch Internationalität sowie Praxis- und Forschungsrelevanz auszeichnen. Der mit dem Award ausgezeichnete Artikel “Which cultural values matter to business process management? Results from a global Delphi study” zeigt: Wer nur vier Werte in seiner Unternehmenskultur verankern kann, sorgt damit nicht nur für eine gute Arbeitsatmosphäre, sondern erreicht auch einen höheren ROI (Return On Investment).

Prozessmanagement als „moderner Management-Ansatz“

Hochschule Vaduz Uni Liechtenstein / Wirtschaftsinformatik  18.05.11

Wir haben mit dem Autorenteam Dr. Theresa Schmiedel und Prof. Dr. Jan vom Brocke vom Hilti Lehrstuhl für Business Process Management am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Liechtenstein gesprochen:

SAP News Center: Woher stammt die Idee, einen Artikel über kulturelle Werte im Business Process Management (BPM) zu schreiben?

Vor ungefähr fünf Jahren haben wir sowohl im Rahmen von Literaturrecherchen als auch durch unsere Zusammenarbeit mit der Praxis immer wieder festgestellt, dass Experten diese menschlichen Aspekte grundsätzlich zwar für sehr wichtig halten, aber keinerlei Vorstellung haben wie sie sie praktisch umsetzen können. Geschäftsprozessmanagement wird meistens auf methodische und technische Aspekte der Prozessgestaltung beschränkt. Darin sehen wir eine Hauptursache für das Scheitern vieler Projekte. Diese Erkenntnis war die Initialzündung für unsere Forschungen.

Warum spielt Kultur Ihrer Meinung nach eine so große Rolle im BPM?

Mit Kultur meinen wir die gemeinsamen Werthaltungen, die Menschen in einer Organisation haben. Diese basieren nicht nur auf der Herkunft der Mitarbeiter, sondern auch auf einer Vielzahl von persönlichen Erfahrungen und Einflüssen. Daher bringt jeder einen sehr individuellen Wertekanon mit. Und wenn Mitarbeiter von ihrem Wertesystem her nicht nach Exzellenz oder Innovation streben, müssen sämtliche Bestrebungen eines Unternehmens in diese Richtung zwangsläufig zunächst einmal ins Leere laufen. Die Kernfrage unserer Studie lautete deshalb: Welche kulturellen Werte sind förderlich für Prozessmanagement?

Wie sieht Ihr Ansatz konkret aus?

Wir verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz, der den Unternehmen die Fähigkeiten vermitteln will, systematisch aus eigener Kraft heraus neue Prozesse zu gestalten und innovativ zu sein. Man könnte auch von einem modernen Management-Ansatz sprechen. Prozessmodelle, die jeden Schritt einzeln vorgeben, sind gar nicht unbedingt notwendig und können sogar hinderlich sein. Eine gute Organisationskultur mit guten Ressourcen, einem starken Netzwerk und Diskussionsmöglichkeiten usw. ist oft viel wichtiger.

Wir arbeiten dafür mit einem BPM-Reifegradmodell, das von australischen Kollegen mitentwickelt wurde und das auch dem von uns mit herausgegebenen International Handbook of Business Process Management zugrunde liegt. Das Modell enthält sechs Faktoren, die zu einem erfolgreichen, innovationsfähigen Unternehmen beitragen. Und da findet man eben nicht nur IT und Methoden zur Prozessmodulierung, sondern auch eine strategische Verankerung und eine Organisation in der die Zuständigkeiten geklärt sind. Der „Faktor Mensch“ ist mindestens genauso wichtig. Denn die Prozesse von morgen bestehen ja keineswegs nur aus neuen Technologien wie Mobile oder Social Media – hauptsächlich sind es die Menschen, die Aufgaben anders ausführen müssen. Die gelebte Organisationskultur spielt dabei eine zentrale Rolle.

Welche kulturellen Werte haben sich dabei als förderlich für BPM herauskristallisiert?

Im Rahmen einer sogenannten Delphi-Studie haben wir in mehreren Runden rund 60 BPM-Experten aus Wissenschaft und Praxis befragt. So konnten wir nach und nach ein Set von Werten herauskristallisieren, die zu einer effizienten Prozessgestaltung beitragen. Im Ergebnis haben wir vier solcher Werte identifiziert:

1. Kundenorientierung (Customer Orientation): Interessen interner und externer Kunden sollten in die BPM-Planung miteinbezogen werden.

2. Exzellenz (Excellence): Damit ist sowohl die kontinuierliche als auch die innovative Verbesserung von Geschäftsprozessen gemeint.

3. Verantwortung (Responsibility): Hier geht es einerseits um formale Verantwortung (wer ist für was zuständig), andererseits aber auch um innere Verantwortung (Commitment), BPM-Ziele zu erreichen.

4. Teamwork meint die abteilungsübergreifende Zusammenarbeit innerhalb eines Unternehmens, die sowohl auf formaler als auch auf informeller Ebene gefördert werden kann.

Wie setzen Sie die Forschungsergebnisse in der Praxis ein?

Unsere Forschungen zielen darauf ab, langfristig einen Mehrwert für die Unternehmen zu schaffen. Wir haben ein Tool entwickelt, mit dem man die „Fitness“ der Organisationskultur für BPM messen kann. Es wurde und wird bereits von zahlreichen Unternehmen zur Evaluierung, wie die eigene Kultur im Unternehmen wahrgenommen wird, genutzt.

So entstehen repräsentative Daten, die ein Gesamtbild der Unternehmenskultur ergeben. Dem Unternehmen wird so aufgezeigt, wie die Kultur im Unternehmen von den Mitarbeitern empfunden wird. Im Anschluss können dann Maßnahmen abgeleitet werden, um ein freundlicheres Umfeld für Prozessmanagement zu schaffen. So kann mit vergleichsweise minimalem Aufwand ein sehr hoher ROI erreicht werden.

Neben der persönlichen Beratung bei Projekten gibt es auch ein umfassendes Lehrangebot zu diesen Themen bei uns an der Universität, über das wir Forschungsergebnisse kontinuierlich in die Praxis einbringen.

Glauben Sie, dass kulturelle Werte zukünftig mehr Einfluss auf die BPM-Praxis haben werden?

Absolut. Kultur macht nicht kurzfristig schön, sondern langfristig gesund. Es handelt sich ja auch nicht um ein vollkommen neues Phänomen; Kultur war natürlich schon immer ein elementarer Bestandteil im Management erfolgreicher Unternehmen. Wir haben vielmehr den Eindruck, dass das allgemeine Bewusstsein für die Bedeutung von Kultur für BPM ansteigt und Kultur noch wesentlich besser genutzt werden kann, um BPM- und IT-Projekte erfolgreich zu gestalten. Es lohnt sich definitiv, auch im Alltagsgeschäft immer wieder ein Augenmerk darauf zu legen. Nur so kann ein möglichst optimales Umfeld für BPM geschaffen werden.

Außerdem befinden wir uns in einer Zeit, in der Innovationsfähigkeit über die Zukunft vieler Unternehmen entscheiden wird. Da kommt der Rolle des Menschen eine noch größere Bedeutung zu. Selbst das beste Workflow-Management-System kann sich nicht von selbst weiterentwickeln oder neu erfinden. Der Faktor Mensch spielt dabei eben die wichtigste Rolle, denn nur Menschen können kreativ und erfinderisch sein. Und die beste Leistung erbringt man in einem kulturellen Umfeld, das dies wertschätzt und in dem man sich wohlfühlt.

 

 

 

Bildquellen: Shutterstock/Uni Liechtenstein

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  1. Bharath

    I am looking foawrrd to your comments on ECM and BPM. Since I am on the BPM side,I want my manager to collaborate with the ECM manager and I want to keep promoting process management as a practice. We integrate both BPM and ECM on a couple of our projects especially where we need image copies of the customer requests which helps to speed up the workflow.Will you be going to BPM New York in early November?Regards,Brian MartinThe Hartford