Das „Innovator’s Dilemma“ bezwingen

Hasso Plattner und der Innovationsexperte Clayton Christensen zeigen in ihrem SAPPHIRE-NOW-Vortrag auf, wie In-Memory-Lösungen die IT-Welt revolutionieren.

Die SAPPHIRE NOW in Orlando präsentierte sich gestern einmal mehr als Forum, auf dem sich hochkarätige Experten über aktuelle Themen der IT-Welt austauschen. So sprachen in einem gemeinsamen Vortrag Professor Clayton Christensen von der Harvard Business School, Wirtschaftswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher wie des Bestsellers The Innovator’s Dilemma, und Hasso Plattner, Professor für Wirtschaftsinformatik und Aufsichtsratsvorsitzender der SAP, über mögliche Wege aus der „Innovationskrise“ etablierter Unternehmen.

Plattner verwies gleich zu Beginn darauf, dass er nicht in seiner Funktion als Aufsichtsratsvorsitzender der SAP zum Publikum spreche, sondern als Professor des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam. In gewohnt direkter Manier kommentierte er die Lage des Unternehmens, das er mitgegründet hatte: „Die SAP ist ein Musterbeispiel für das ,Innovator’s Dilemma‘ – für mich ist dieses Dilemma allgegenwärtig.“

„Aggregate von Personen in Unternehmen führen zu einem hohen Maß an Komplexität.“ Clayton Christensen

„Aggregate von Personen in Unternehmen führen zu einem hohen Maß an Komplexität.“ Clayton Christensen

Plattner erzählte, dass auch die SAP schon häufiger gefordert war, zwischen den zwei Formen der Innovation zu entscheiden: der erhaltenden Innovation, die bestehende Technologien schrittweise verbessert, jedoch kein großes Wachstumspotenzial birgt, und der disruptiven, bahnbrechenden Innovation, die Produkte oder Dienstleistungen erschwinglicher und damit für einen wesentlich größeren Käuferkreis zugänglich macht.

Wie aus einer mutigen Idee ein beispielloser Erfolg wurde

Jüngstes Beispiel für disruptive Innovation ist das Cloud Computing. Ausgangspunkt für den Umstieg auf die Cloud seien die On-Premise-Lösungen, betonte Plattner. Diese gelte es zu beschleunigen, damit sie in der Cloud genutzt werden können. Als weiteres Beispiel führte er die rasante Verbreitung von mobilen Endgeräten an. Beide Technologietrends sind in seinen Augen beispielhaft für den Triumph der Einfachheit über die Komplexität: „Die Forderung nach Einfachheit ist nicht nur ein Marketingslogan; einfache Funktionen sind gegenüber komplexen Funktionen schlicht im Vorteil.“

2007 hatte es Plattner trotz vehementer Kritik zahlreicher Kollegen aus der Wissenschaft gewagt, ein Konzept für Unternehmenssoftware zu entwerfen, die nicht mehr durch zu langsame Antwortzeiten der zugrunde liegenden Systeme eingeschränkt wird. Auf diese Idee gebracht hatte ihn die rasante Entwicklung der Hardwaretechnologie in den vergangenen 20 Jahren. Im Vergleich zu früher erhielten Unternehmen nun für das gleiche Geld Systeme mit bis zu 6.000 Mal größerer Speicherkapazität und 1.800 Mal höherer Rechenleistung. „Dadurch konnten wir beim Design eine völlig neue Zielsetzung verfolgen“, erläuterte Plattner. Und dies führte schließlich zur Entwicklung von SAP HANA.

Zwar trifft es nicht ganz zu, dass heutige Systeme völlig ohne Verzögerung antworten, doch ist die In-Memory-Datenbank der SAP laut Plattner so konzipiert, dass 90 Prozent der Anfragen innerhalb einer Sekunde und komplexere Anfragen innerhalb von drei Sekunden beantwortet werden. „Untersuchungen haben ergeben, dass niemand bereit ist, auch nur acht Sekunden auf eine Antwort zu warten“, führte er weiter aus.

Uneingeschränkter Datenzugriff

Da SAP HANA die wichtigsten Daten im Hauptspeicher vorrätig hält, ist es nicht mehr erforderlich, zukünftige Abfragen der Nutzer zu prognostizieren und die Ergebnisse dieser Abfragen im Voraus zu berechnen. Das Aggregieren der Daten in der Datenbank wird damit überflüssig. Plattner zufolge war diese Eigenschaft von SAP HANA die Grundlage für den radikalen Wandel, den die In-Memory-Technologie mit sich brachte.

„Größter Fortschritt in der Geschichte der Unternehmenssysteme.“ Hasso Plattner

„Größter Fortschritt in der Geschichte der Unternehmenssysteme.“ Hasso Plattner

Sie befreite die Unternehmen von der Notwendigkeit, die technischen Einschränkungen herkömmlicher Systeme mühsam durch Behelfslösungen zu umgehen. Da es nun möglich war, uneingeschränkt auf Daten zuzugreifen, konnten die Nutzer auch ohne besondere Kenntnisse in der Analyse von Daten Modelle und Algorithmen direkt mit allen Daten in einem System ausführen und wichtige Erkenntnisse aus diesen Daten ableiten.

Dadurch verringert sich zum einen das Datenvolumen (eine Verringerung um den Faktor 15 bis 25 wurde prognostiziert), zum anderen besteht nun die Möglichkeit, mithilfe von Vorhersageanalysen und Simulationen Unternehmen in Echtzeit zu führen. „Genau das sollte das Ziel von Unternehmenssoftware sein“, forderte Plattner. Wenn den Benutzern aussagekräftige Informationen aus Analysen zur Verfügung stehen, können sie nach Ansicht von Plattner auch Vorhersagen und Simulationen durchführen. Er bezeichnete die In-Memory-Technologie sogar als „größten Fortschritt in der Geschichte der Unternehmenssysteme“, der so „minimalistisch“ sei, dass der Erfolg quasi vorprogrammiert sei.

Geburtsstunde einer neuen Managementtheorie?

Clayton Christensen griff Plattners Beispiel der Aggregate auf, indem er sie mit der hierarchischen und statischen Struktur großer Unternehmen verglich. Derartige „Aggregate von Personen“ in Unternehmen führten letztlich zu einem hohen Maß an Komplexität, so Christensen. Auch bestehe die Gefahr, dass die Unternehmen die Probleme der Kunden nicht mehr ausreichend im Blick haben und sich zu wenig von ihren Mitbewerbern abgrenzen.

Indem diese Aggregate oder Teams im Organigramm – das per se statisch ist – abgebaut werden, könnten die Abläufe eines Unternehmens unmittelbar an die jeweils anstehenden Aufgaben angepasst werden. Dies wiederum hätte Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Innovationen entstehen. Christensen zeigte sich begeistert von diesem Vergleich, der sich in seinen Augen zu einem wichtigen Managementkonzept der Zukunft entwickeln könnte.

Strategisches Kombinieren von erhaltender Innovation und disruptiver Innovation

Plattner betonte, dass SAP-Kunden die In-Memory-Technologie trotz ihrer disruptiven Natur ohne größere Auswirkungen auf ihren Geschäftsbetrieb einführen können. „Die Hardware bleibt dieselbe, wir nutzen sie nur anders. Die Kunden können selbst entscheiden, wann sie umsteigen möchten“, bekräftigte er. Er führte aus, dass die SAP selbst das beste Beispiel sei – die Umstellung der SAP-eigenen ERP-Systeme auf SAP HANA habe gerade einmal vier Stunden gedauert.

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„Simple Finance – zentrale Datenquelle für alle Informationen aus Finanzwesen und Controlling.“ Helen Arnold

Laut Helen Arnold, die kürzlich als CIO und Leiterin des Bereichs Cloud Delivery in das Global Managing Board der SAP berufen worden war, laufen mittlerweile alle geschäftskritischen Systeme der SAP in der SAP HANA Enterprise Cloud. Im April wurde zudem der Produktivbetrieb mit der Software SAP Simple Finance aufgenommen, die nun „die zentrale Datenquelle für alle Informationen aus dem Finanzwesen und Controlling“ bildet. Arnold verwies außerdem darauf, dass es nun möglich sei, „direkt von einem Dashboard zu Einzelposten zu navigieren. Und wenn sich die Geschäftsabläufe ändern, können wir umgehend historische Daten auf die neuen geschäftlichen Gegebenheiten anwenden.“

Zwei Kunden, die zu den ersten Anwendern von SAP HANA gehörten, berichteten dem Publikum anschließend von den Vorteilen, die sie durch den Einsatz der In-Memory-Technologie realisieren konnten.

Larry Brewer, der den Bereich Global Information Technology bei John Deere leitet, erläuterte, dass sein Unternehmen mithilfe von SAP HANA Probleme beim Betrieb von Maschinen zwei bis drei Monate früher erkennen, schneller lösen und auf diese Weise Ausfallzeiten deutlich reduzieren kann.

Mindy Simon, die den Bereich Information Technology bei ConAgra Foods verantwortet, zeigte auf, wie ihr Unternehmen durch den Einsatz von SAP HANA die Fertigung von Produkten simuliert. Durch eine Gewinn-und-Verlust-Simulation für einzelne Produkte kann ConAgra Foods außerdem bislang unbekannte Einschränkungen aufdecken und so bessere Entscheidungen treffen. „Seien Sie offen und erfinden Sie Ihre Geschäftsprozesse neu“, forderte sie die Teilnehmer der Konferenz auf. „Durch das Herumspielen mit Daten werden sich Ihnen neue Möglichkeiten für die Innovation eröffnen.

SAP TV auf der SAPPHIRE NOW

SAP TV berichtet von der SAPPHIRE NOW und beleuchtet, wie die Zukunft der Arbeit, im Gesundheitswesen und im Sport aussehen könnte.

Bildquelle: SAP

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