Europa hinkt hinterher

Nur etwa jeder vierte Dollar des zwei Billionen Dollar starken ICT-Marktes erwirtschaften europäische Unternehmen. Und es wird noch weniger. Wege aus dem Dilemma.

Viel Weißraum zeigt das Chart, das A.T. Kearney über den ICT-Markt in Europa zusammengestellt hat. In neun Bereiche aus dem ICT-Markt aufgesplittet sind dort die zehn umsatzstärksten Unternehmen aufgeführt. Unter „IT-Services“ finden sich mit Cap Gemini und Atos zwei, unter „Kommunikationsausrüstung und Services“ mit Eriksson, Alcatel Lucent und NSN drei und unter „Software“ mit SAP und in der Halbleiterbranche mit ST Microelectronics jeweils nur ein Unternehmen. In allen anderen Kategorien wie etwa Telefone, Unterhaltungselektronik oder PCs, Laptops und Tablets befindet sich nicht ein Unternehmen aus Europa unter den Top Ten. Und die Prognosen verbessern weder die Lage, noch versprechen sie Hoffnung. Abgesehen von einer Sektion erwartet A.T. Kearney einen sinkenden Anteil am Weltmarkt für die kommenden zwei Jahre.

Das Wachstum im europäischen Raum ist gegenüber den anderen Wirtschaftsregionen geringer. Quelle: Rebooting Europe's High-Tech Industry, A.T. Kearney, 2014Der Umsatzanteil europäischer Unternehmen am Weltmarkt soll bis 2015 nur in einer Kategorie wachsen.Quelle: Rebooting Europe's High-Tech Industry, A.T. Kearney, 2014Die USA führt die Liste der global leistungsfähigsten Länder an.Quelle: Monitoring Report Digitale Wirtschaft, 2013A.T. Kearney hat einen 10-Punkte-Masterplan entwickelt, der Europa weltweit stärken soll. Quelle: Rebooting Europe's High-Tech Industry, A.T. Kearney, 2014Nur wenige europäische Unternehmen befinden sich unter den umsatzstärksten in den einzelnen Teilbereichen.Quelle: Rebooting Europe's High-Tech Industry, A.T. Kearney, 2014

Verantwortlich dafür, da ist sich A.T. Kearney-Partner Axel Freyberg (44) sicher, ist der fragmentierte europäische Markt: „Während die USA einen Markt hat, gibt es in Europa 27“. Das macht es nicht einfach, an einem Strang zu ziehen. Vor allem vermisst Freyberg, dass europäische und nicht nationale Institutionen einzelne ICT-Sektoren gezielt fördern. Im Gegensatz dazu schafft andere Regionen wie die USA, Korea oder China nach Beobachtung von Freyberg unter anderem dadurch, dass sie den Einsatz von Technologien heimischer Unternehmen unterstützen eine Grundbasis für die dortige Hightech-Industrie.

“Als globales Unternehmen muss ich in den USA erfolgreich sein”

Insbesondere die USA spielt in der globalen Wirtschaft offenbar noch immer eine Schlüsselrolle. Wie auch der internationale Management-Report Digitale Wirtschaft 2013 aus dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie dokumentiert, rangiert die USA in der globalen Leistungsfähigkeit an Rang 1. Großbritannien kommt als erstes europäisches Unternehmen auf Rang 4, Deutschland folgt auf Platz 5. In der „durchschnittlichen Performance“, einem Gradmesser für die Marktstärke und -attraktivität, dominieren wiederum die USA, Großbritannien und Deutschland folgen auf Platz 5 und 6. Entsprechend logisch scheint die Entscheidung auch von SAP, einen besonderen Fokus auf den US-amerikanischen Markt zu richten und künftig mit dem gebürtigen US-Amerikaner Bill McDermott als CEO zu agieren. „Als globales Unternehmen muss ich in den USA erfolgreich sein“, konstatiert A.T. Kearney-Mann Freyberg. Da spielt es letztlich nicht die entscheidende Rolle, aus welchen Land der CEO stammt. Vielmehr muss die Kundenbasis stimmen. Nicht zuletzt deswegen kaufte SAP etwa den Cloud-Spezialisten SuccessFactors und Einkaufsplattformbetreiber Ariba. Auch Ericsson erwarb vor wenigen Jahren das Mobilfunkgeschäft des nordamerikanischen Telekommunikationsausrüster Nortel. Das Ziel ist klar: Im US-amerikanischen Markt präsenter sein.

Im vergangenen Jahr brachte die EU ein neues Rahmenprogramm auf den Weg, Horizont 2020. Dessen Ziel liegt darin, Europa in seiner Leistungsfähigkeit zu stärken. 80 Milliarden Euro steckt Brüssel bis 2020 in die Förderung und finanzielle Unterstützung neuer Ideen und Projekte – zusätzlich zu den Investitionen, die aus der Privatwirtschaft kommen. Für A.T. Kearney-Partner Freyberg ist der Ansatz jedoch zu wissenschaftlich: „Es wird zuviel Fokus auf Forschung und die Förderung kleiner Firmen gesetzt; es gibt zu wenig gezielte Zusammenarbeit mit großen Unternehmen, um deren internationale Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und zu fördern“, ist der Leiter Communications, Media und Technology Practice EMEA überzeugt. Seine Forderung besonders an die Adresse der Industriepolitiker: „Ich muss die Leuchtturm-Unternehmen halten, denn sonst droht der ganze Sektor verloren zu gehen.“

Es liegt also nicht zuletzt in der Hand der Politiker aus Brüssel, zwar nicht als Europa die Schotten dicht zu machen vor dem Rest der Welt. Dafür ist der globale Markt zu wichtig. Doch heißt das auch, über regionale Förderungen letztlich Europa als Ganzes zu stärken. Positive Beispiele für eine gewisse Eigendynamik in Europa gibt es durchaus. So ist um den deutschen Standort von SAP in Walldorf inzwischen ein Software-Cluster entstanden. Neben SAP sind das die Software AG, das Karlsruhe Institute of Technology wie auch die Unis in Kaiserslautern und Darmstadt. Doch auch in anderen Regionen in Europa – besonders in Skandinavien – gibt es diese Spitzencluster, in denen sich nicht nur Experten zu speziellen Themen zufällig zusammenballen, sondern schon strategisch zusammenfinden. In Kista etwa in der Nähe der schwedischen Hauptstadt Stockholm ist durch Ericsson nach und nach ein großer Austausch zwischen Wissenschaft und Industrie entstanden, ähnlich wie in Esboo in Finnland, wo sich viele Ex-Mitarbeiter von Nokia zusammengetun, um eigene Unternehmen auf die Beine zu stellen. So gründeten ehemalige Mitarbeiter auf Basis des von Nokia mit Intel entwickelten Linux-basierte Betriebssystem MeGoo für mobile Geräte einen neuen Mobiltelefone-Anbieter Jolla, der seit 2013 am Mobiltelefon-Markt mit eigenen Endgeräten auf Basis des Sailfish OS mitmischt, während das MeGoo-Betriebsystem inszwischen in der Initiative von Tizen von Intel und Samsung aufgegangen ist, wobei Tizen nun als Grundlage für die Smartwatch von Samsung dient.

Strategisch Cluster fördern

Inzwischen nicht mehr ganz neuer Schmelztiegel für Entwickler und neue Geschäftsideen im digitalen Bereich ist Berlin. Als Paradebeispiel nennt Freyberg das Unternehmen Rocket Internet, einen „Internet-Inkubator“, dessen Idee es ist, über prozessuale Unterstützung Ideen sehr schnell nicht nur marktreif, sondern international erfolgreich zu machen. Online-Mode-Shop Zalando etwa ist aus der Idee hervorgegangen. „Die Idee ist, eine Art „Maschine“ zu entwickeln, die das Großmachen junger Unternehmen und deren schnelle Internationalisierung über funktionale Experten industralisiert “, erläutert A.T. Kearney-Experte Freyberg.

Nur die Summe der Einzelteile macht Europa letztlich stark und fit für den Wettbewerb im globalen Umfeld, ist Freyberg überzeugt und fordert einen strategischen Masterplan, bei dem die EU gezielt auf ICT-Sektoren mit Wachstumspotenzial setzt sowie führende Unternehmen durch gezielte Industriepolitik unterstützt. „Denn was nützen die besten Cluster, wenn letztlich führenden Unternehmen fehlen, die einen Leuchtturmcharakter für den ganzen Sektor haben?“, so Freyberg.

Zum 10-Punkte-Masterplan von A.T. Kearney.

Zum Monitoring-Report Digitale Wirtschaft 2013.

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