Wie uns Smartphones manipulieren

 Quelle: Frankfurter Allgemeine Buch

Quelle: Frankfurter Allgemeine Buch

Internet und Smartphones sind so alltäglich geworden, dass wir gar nicht merken, wie wir beeinflusst werden – so die These in „Der programmierte Mensch".

Auf dem Tablet Mails schreiben, nebenher den Facebook-Status auf dem Smartphone updaten und gleichzeitig den Fernseher laufen lassen. Per Lauf-App sich selbst digital vermessen, blind auf Suchmaschinen-Ergebnisse und die Routenplanung des Navis vertrauen – trotz regelmäßiger Berichte von Autofahrern, die sich plötzlich im Nirgendwo wiederfinden. Thomas R. Köhler zeichnet in seinem Buch „Der programmierte Mensch. Wie uns Internet und Smartphone manipulieren“ das Bild von einem modernen Alltag, der rund um die Uhr vom Internet bestimmt wird – vor allem im mobilen Format.

Durch das Internet hat sich viel geändert. Die Arbeitswelt steht unter digitalem Anpassungsdruck und wird geprägt von Telekonferenzen, Instant Messaging und Bring-your-own-device (BYOD). Und auch unser privater Alltag verändert sich: Online-Shopping statt Einkaufen im Stadtzentrum, personalisierte Werbung und Produktion (wie der Zusammenstellung von eigenen Müslis online) und Car-Sharing. Dass uns Smartphone und Internet bei alldem schon heute manipulieren, steht für Köhler fest: Die ständige Erreichbarkeit führe zu Unverbindlichkeit in Absprachen, und die Gesellschaft werde zu einer „Do-it-yourself“-Gesellschaft, in der der Urlaub selbst online gebucht wird statt im Reisebüro. Ein ständiges Multitasking führe zu Unproduktivität am Arbeitsplatz und riskantem Fahrverhalten im Straßenverkehr, wenn unterwegs  noch ein Tweet versendet werden muss. Lesegewohnheiten ändern sich, wie auch die zwischenmenschliche Kommunikation, die in „Umfang und Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt“ ist. „Kann das gut gehen?“, fragt sich der Autor und schickt einige Forschungsergebnisse hinterher, um zu belegen, dass sich die neue Art, schriftlich und elektronisch zu kommunizieren, negativ auf unser Ausdrucksvermögen und  unsere Gehirnleistung auswirkt.

Bequemlichkeit wird ausgenutzt

Die Diskussion um den Wandel der Kommunikation und den Einfluss der Technik auf unser Leben ist sicher keine neue. Doch Köhler sieht das eigentliche Gefahrenpotential  an anderer Stelle: Dass die neuen Entwicklungen den Menschen lenken können, weil sie bei ganz elementaren Eigenschaften ansetzen. Bei seinen Grundbedürfnissen, beim inneren Schweinehund – und hier könne durch den richtigen „Schubs“ viel bewirkt werden. Bezeichnend ist das Beispiel des Reiseanbieters, der den günstigsten Preis ausgraut und einen anderen markiert, den der unaufmerksame Kunden daraufhin bucht. Auch der Hang des Menschen, sich gerne mit seinem ‚Ich‘ zu beschäftigen, mache ihn anfällig. Google, Facebook & Co. protokollieren jede Onlineaktivität und Nutzer geben immer mehr Daten preis.

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Die „Quantified-Self-Bewegung“ ist dabei die Spitze des Eisbergs. Menschen vermessen ihre Schlafgewohnheiten, das Fernsehverhalten oder ihre Gesundheitsdaten, in der Absicht, sich selbst zu optimieren. Das spielerische Element, das die Sache so reizvoll macht und der Natur des Menschen so entgegenkommt, birgt aber zugleich ein Risiko zur Manipulation. Unter dem Stichwort „Gamification“ setzen Unternehmen gezielt Spielelemente unter anderem in Marketing und Kundenbeziehungen ein. Dabei kritisiert der Autor nicht, dass man dabei wie in der Werbung Menschen zu bestimmten Handlungen zu bewegen versucht, sondern dass die Interaktion gleich mitgeliefert werde. Darüber hinaus bedeute Gamification, dass nicht länger der Mensch der Maschine Arbeitsaufgaben vorgebe, sondern dass sich das Verhältnis längst umgekehrt habe und nun der Computer Aufgaben stelle, die der Mensch dann ausführe. Die Gesellschaft werde infantil; man lebe in einer Art Dauerkindheit.

E-Mail-Flut Teil des Übels Multitasking

Auf Internet und Smartphone zu verzichten ist heute kaum noch möglich. Und selbst, wer sich dazu entschließt, hat digital längst Spuren hinterlassen. Wie soll sich der Mensch gegen die Risiken der digitalisierten Welt wappnen? Denn davon sieht der Autor viele: Risiken für die Gesundheit, die Privatsphäre, finanzielle Risiken, Sicherheitsrisiken, zu viele Informationen oder eben die Verdummung durch Technik, die sich zeigt, wenn wieder ein Autofahrer wegen seines Navis im Fluss landet.

Was ist also zu tun? Laut Köhler geht es darum, die nötige „Distanz zum Geschehen“ wieder herzustellen, um Abhängigkeit zu reduzieren. Zunächst einmal empfiehlt er, sich den Unterschied zwischen digitaler Welt und echtem Leben bewusst zu machen und sensibel für Manipulationsstrategien zu sein, sie zuerkennen und ihnen zu begegnen. Außerdem solle man Ausbruchsmöglichkeiten aus der „Endlosschleife“ suchen – also unter anderem Produkte, die nicht offen sind, meiden (ob Internetanwendung, Smartphone oder PC-System), den Abstand zur technisierten Welt bewusst suchen (und mal wieder in den Park gehen), Datenfreigaben sehr genau zu überdenken und sinnvoll die E-Mail-Flut zu organisieren. Besonders letzteres scheint dem Autor sehr am Herzen zu liegen, zumal E-Mails auch ein Teil des oben genannten Übels „Multitasking“ sind und trotz aller Diskussionen über interne Soziale Netzwerke in nächster Zeit wohl eher nicht aus dem Unternehmensalltag verschwinden werden.

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Die Zukunft, so der Autor, werde wohl so aussehen, dass wir die meisten unserer Entscheidungen an Maschinen delegieren: In welches Restaurant kann ich gehen, was für Musik kann ich hören und wie viele Kilometer muss ich heute noch laufen? Doch wenn man das tue, so sollte man wenigstens sicher sein, dass die Maschinen in unserem Sinne agieren – die derzeitige Entwicklung weise jedoch in eine andere Richtung. Es sei daher klüger, auch mittelfristig auf sich selbst zu vertrauen und die Technik eben nur als Hilfsmittel zu sehen.

Tipps für das digitale Leben sehr kurz gehalten

Sachlich und mit einer gewissen Distanz beschreibt der Autor die moderne digitale Lebensrealität – wenn auch nicht ganz urteilsfrei. Daten und Konzepte aus zahlreichen Studien und Berichten stützen seine Beobachtungen und nicht selten beleuchtet Köhler auch den Hintergrund einer bestimmten Entwicklung. Besonders von Interesse dürfte das Buch für Leser sein, die gerne mehr erfahren möchten über die Welt von Smartphone, Apps und Onlinespielen – man könnte fast sagen, die Welt der „Digital Natives“. Denn das Buch beschränkt sich nicht auf die negativen Aspekte der digitalen Welt, sondern beschreibt auch ausführlich deren Chancen und Möglichkeiten.

Die Anregungen und Tipps zu einem guten Umgang mit diesen Entwicklungen stellen jedoch nur einen kleinen Teil dar und der versprochene Zukunftsausblick beschränkt sich auch auf wenige grobe Ideen. Wer sich allerdings für die verschieden Facetten der aktuellen digitalen Möglichkeiten interessiert und welche Manipulationsmechanismen hinter manchen von ihnen stecken können, dem sei das Buch empfohlen.

Thomas R. Köhler: Der Programmierte Mensch. Wie uns Internet und Smartphone manipulieren. Frankfurter Allgemeine Buch, 248 Seiten, 19,90 Euro

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