“Technologie, die ohne die Mitarbeit von Frauen entwickelt wurde, kann ziemlich eindimensional sein”

Lucy Sanders

Lucy Sanders

Frau Sanders, ihr Projekt läuft im Oktober seit einem Jahr. Können Sie eine Zwischenbilanz geben?

Sanders: Das NCWIT ist seit September 2004 offiziell operativ tätig und hat sich in dieser Zeit darauf konzentriert, eine nachhaltige Infrastruktur aufzubauen, Partnerschaften mit engagierten Experten zu schaffen und mit einer gemeinsamen Stimme zu sprechen. Unser Partnernetzwerk erstreckt sich mittlerweile über 40 akademische Institutionen, 15 Unternehmen, 16 angesehene Sozialwissenschaftler und 8 Knotenpartner. Gemeinsam entwickeln die Leiter und Mitglieder Forschungsprojekte, Interventionsprogramme, effektive Praktiken und Policy-Plattformen, die unsere Arbeit katalysieren werden, um den Frauenanteil in der IT zu erhöhen.

Gibt es – Ihres Wissens nach – ähnliche Organisationen in anderen Ländern?

Sanders: Wir wissen, dass der geringe Frauenanteil in der IT ein internationales Problem ist. Es gibt kein Land, das hier als Vorbild dienen könnte. Ob es vergleichbare Organisationen in anderen Ländern gibt, kann ich nicht sagen. Allerdings haben bereits Organisationen und Einzelpersonen aus Afrika, Europa und Asien bei uns angeklopft, die mit unserer Aufgabenstellung sympathisieren. Wir wollen zunächst unseren nationalen Fokus behalten. Doch wenn wir in Zusammenarbeit mit anderen Ländern Synergieeffekte erzielen können, sind wir gerne bereit zu lernen, Erfahrungen auszutauschen und kollektiv Fortschritte zu erzielen.

Wo stehen die Frauen heute im Vergleich zu 2001? Damals lag der Anteil der Frauen bei den IT-Abschlüssen nur bei 28 Prozent, wobei es 1984 immerhin 37 Prozent waren.

Sanders: Obwohl in den USA mehr als die Hälfte der Berufstätigen mit einer qualifizierten Ausbildung Frauen sind, sind sie in der IT nur mit 25 Prozent vertreten. Der Frauenanteil bei Dozenten der Informatik an amerikanischen Hochschulen liegt bei lediglich 14 Prozent. Nur 11 Prozent der leitenden Angestellten in den 500 größten Technologieunternehmen sind weiblich. Weniger als 11 Prozent aller US-Patente werden von weiblichen Erfindern angemeldet.

Auf dem Bildungssektor sieht es in Bezug auf die IT nicht viel besser aus: Mehr als die Hälfte der Undergraduate-Abschlüsse in den USA gehen an Frauen, doch in den Computerwissenschaften liegt diese Rate nur bei 25 Prozent. Bei großen Forschungsinstituten in den USA ist diese Zahl sogar noch niedriger. Nur 15 Prozent der Teilnehmer an den Fortgeschrittenen-Kursen in Mathematik sind Mädchen. Beim diesjährigen Intel Science Fair waren nur 11 Prozent der Finalisten in Informatik Mädchen, obwohl sie in anderen Disziplinen – etwa Mikrobiologie oder Chemie – sehr stark vertreten waren.
Die Computerwissenschaften zählen laut einer Prognose des US-Arbeitsministeriums zu den am schnellsten wachsenden Arbeitsfeldern. Obwohl dort bis 2012 über 1,5 Millionen neue Jobs geschaffen werden, sinkt das Interesse an den zugehörigen Studienfächern kontinuierlich – bei Frauen wiederum stärker als bei Männern.

Was ist der Grund dafür, dass sich so wenige Frauen in Computerwissenschaften einschreiben? Lässt sich hier Abhilfe schaffen?

Sanders: Das Image von IT – die Summe von dem, was IT auf der sachlichen Ebene beinhaltet und dem Bild, das die IT-Macher abgeben – ist ein entscheidender Faktor, warum viele Frauen sich gegen Informatik oder Informationstechnologie entscheiden. Viele Frauen sehen IT-Jobs als Beschäftigungen, die isolieren, in denen kaum Kontakt zu Menschen besteht und die sich mit leblosen Objekten befassen. Außerdem sind in ihren Augen Leute, die sich mit Computern befassen, Freaks – meist männlich, mit nicht allzu viel sozialer Intelligenz ausgestattet, Einzelgänger, die außer dem Computer keine anderen Interessen besitzen. Damit können sich die meisten Frauen nicht identifizieren. IT braucht dringend ein neues Image, das es Frauen ermöglichen kann, ihr Potenzial mit einzubringen. Dieses Image-Problem in den Griff zu bekommen, wird eine unserer größten Herausforderung sein.

Wir arbeiten daran, die Wahrnehmung junger Frauen und Mädchen durch Erziehung und Medienkampagnen zu ändern. Beispielsweise stellen wir ihnen weibliche Rollen vor, mit denen sie sich identifizieren können. Wir informieren über IT-Jobs. Dazu zählen etwa Arbeitsplätze in Produktentwicklung, bei Biotechnologie und künstlichen Intelligenz, Jobs als Sound-Ingenieur für Hollywoodfilme, die Entwicklung neuer Behandlungsmethoden für Krankheiten oder die Entwicklung von Robotern, die Behinderten helfen.

Warum ist es eigentlich so wichtig, dass sich im IT-Bereich Männer und Frauen die Waage halten?

Sanders: Die Informationstechnologie durchdringt unseren Alltag. Ihre Bedeutung für unsere Gesundheit, Sicherheit, Arbeit und Freizeit steigt exponentiell an. Warum also sollten wir zulassen, dass etwas so wichtiges – etwas, das wir alle nutzen, brauchen und wovon wir abhängig sind – nur von Männern entwickelt wird? Wie bei jedem anderen kreativen Prozess bringen die Schaffenden auch in der Technologie ihre Perspektiven und Erfahrungen ein. Wenn diese Innovatoren nicht die ganze Breite einer Gesellschaft repräsentieren, das Beste und Klügste aller Kulturen und Geschlechter und der künftigen Anwender der Technologie, die sie gestalten, gehen am Ende alle leer aus.

Auf Frauen bezogen lehrt uns die Erfahrung, dass Technologie, die ohne unsere Mitarbeit entwickelt wurde, ziemlich eindimensional sein kann. Beispielsweise wurden die ursprünglichen Spracherkennungssysteme, die Vorläufer der modernen Voicemail, ohne die Beteiligung weiblicher Ingenieure entwickelt und getestet. Als Folge davon konnte die Software eine breite Palette von Oktaven nicht erkennen und funktionierte mit Frauenstimmen nicht.

Beeinflusst der alte Glaube, Männer seien von Natur aus besser in Mathematik und den Naturwissenschaften, bei Frauen weltweit die Wahl des Studienfachs?

Sanders: Allein die Vorstellung, dass Männer in einigen Disziplinen besonders gut abschneiden (und der Umkehrschluss, Frauen seien in diesen Disziplinen schlechter), hat sicherlich einen beträchtlichen Einfluss auf die Studien- und Berufswahl der Frauen. Diese negative Wahrnehmung wurde vor allem im Fach Mathematik widerlegt. Hier erwerben die Frauen nun die Hälfte aller Undergraduate-Abschlüsse. In vielen Naturwissenschaften haben die Frauen die Männer sogar überholt. Außerdem wurde festgestellt, dass in einigen Disziplinen, die früher reine Männerdomänen waren, nun nahezu Gleichstand herrscht. Hierzu zählen etwa die Rechtswissenschaft oder Medizin.

Was die Computerwissenschaften betrifft, haben die Frauen in den USA jedoch noch viel nachzuholen, um das Bild vom Geschlechterungleichgewicht auszulöschen. Amerikanische Mädchen werden von ihren Eltern, den Lehrern und von den Medien im Laufe ihres Lebens nicht gerade dazu ermuntert, sich mit Computern auseinanderzusetzen. Sie erwerben üblicherweise weniger Computerkenntnisse, weder durch Videospiele noch durch Programmierkurse. Wenn es dann darum geht, sich für ein Studienfach zu entscheiden, sind die Würfel zuungunsten der IT längst gefallen. Wer ständig gesagt bekommt, dass Computer und Technologie nicht interessant sind, glaubt das nach einiger Zeit auch – ganz in der Art einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

Wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Sanders: Wir verfolgen einen dreigeteilten Ansatz. Zum einen wollen wir eine nationale Allianz von Fachleuten aufbauen, zum zweiten das Thema mit Diskussionen publik machen und drittens eine Kernstrategie definieren und die Chancen abstecken. Wir zielen mit unserer Strategie auf eine Reform im Bildungswesen und auf dem Arbeitsmarkt ab. Wir wollen die Interessen unserer Basis fördern und mit unserer Stimme in der Öffentlichkeit für eine Eigendynamik sorgen, die uns unseren Zielen künftig in immer rascherer Form näher bringt.

Wann werden Sie wissen, ob Sie Ihre Ziele erreicht haben?

Sanders: Das NCWIT ist als gemeinnützige Organisation einzigartig, weil sie wie ein Unternehmen geführt wird. Wir stellen wir eine Reihe interner Metriken auf, die uns helfen, die Effektivität unserer Arbeit zu messen – in Bezug auf unser übergeordnetes Ziel, einem zunehmenden Frauenanteil und dem gleichberechtigten Zugang zum Arbeitsmarkt. Die internen Metriken definieren bestimmte Ziele – wie etwa mehr Partnerschaften im akademischen Bereich und in der Wirtschaft, die Beschäftigung mit den wichtigsten Regierungstaktiken und die Fokussierung auf Frauen in der IT. Damit werden wir unseren Erfolg handfest abschätzen. Kurioser Weise besteht unser Hauptziel aber darin, uns selbst überflüssig zu machen. Wenn es uns tatsächlich gelingt, in den kommenden Jahrzehnten auf dem Arbeitsmarkt einen entscheidenden Schritt in Richtung Gleichberechtigung zu erzielen, verliert unsere Organisation ihre Daseinsberechtigung.

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